Nach Winnenden: Medien nehmen wieder Videospiele ins Kreuzfeuer

Wir möchten in diesem Artikel zunächst allen Betroffenen der Tragödie von Winnenden unser Mitgefühl aussprechen. Unsere Gedanken sind in diesen schweren Tagen bei Ihnen…

Im Folgenden möchten wir einige Aussagen von Experten und Politikern aus den Medien aufgreifen und kommentieren.

Hart aber Fair (ARD, 11. März, 22:20 Uhr)

 

hartaberfair

Tom Westerholt

Journalist (im Übrigen auch Ex GIGA-Moderator)


Der Computerspielexperte des WDR-Jugendradios Eins Live kritisiert: Nach Amokläufen stehen reflexartig Killerspiele am Pranger. Doch man sollte viel eher fragen, warum der Täter von Winnenden offenbar Zugang zu den Waffen seiner Eltern hatte.

Eine gute Frage: Doch wurde Herr Westerholt nach unserer Auffassung zu wenig ins Gespräch eingebunden und bisweilen von den Herrschaften Pfeiffer und Bosbach schlicht ignoriert.

 

 

Prof. Christian Pfeiffer

Direktor Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen


Der Kriminologe hat erforscht: Die Täter sind meist Einzelgänger und unsichere Persönlichkeiten. Die Tat vermittelt ihnen für den Augenblick den Triumph höchster Macht über Leben und Tod.

Nach Angaben des SWR (und verschiedenen Personen die den Täter kannten, war dieser stets unauffällig, freundlich, umgänglich, sozial eingebunden und keineswegs isoliert. (SWR, Harald Kirchner)

 

Rebecca Bondü

Diplom-Psychologin an der FU Berlin

Die Diplom-Psychologin an der FU Berlin forscht über die Motive von Amokläufern und weiß: Die Täter haben sich in der Regel sehr lange mit exzessiver Gewalt beschäftigt – und die gibt es nun mal besonders in Killerspielen.

Exzessive Gewalt in Killerspielen? In Deutschland bekommt ein Spiel in der Regel schon keine Jugendfreigabe wenn man nur eine Waffe darin sieht. Hierzulande gelten die weltweit strengsten Bestimmungen. Titel die in anderen deutschsprachigen Ländern wie der Schweiz und Österreich frei verkäuflich sind, erscheinen in Deutschland teilweise gar nicht erst (siehe Gears of War).

Noch zwei ketzerische Fragen: Gibt es in Horror- oder Kriegsfilmen (siehe den Hinweis von Herrn Westerholt in Richtung Quentin Tarantino) nicht deutlich mehr davon? Und hat sich insbesondere im vorliegenden Fall (zu dem ja in dieser Sendung diskutiert wurde) ein „unauffällig, freundlich, umgänglich und sozial eingebunden“ beschriebener Jugendlicher wirklich damit beschäftigt?

Wolfgang Bosbach, CDU

Der stellvertretende Fraktionschef der Union warnt: Der schreckliche Amoklauf darf nicht dazu missbraucht werden, voreilig Gesetze zu verschärfen. Es wäre falsch, unsere Schulen zum Hochsicherheitstrakt zu machen.

Warum weichen sie aus, wenn sie gefragt werden ob sie je eines dieser Spiele gespielt haben? Und es heißt “Counter Strike” nicht “Counter Schtreik”. Nehmen sie es uns nicht übel – aber uns interessiert diese Antwort unter diesem Gesichtspunkt schon. Sind nicht eigentlich in Kürze wieder Wahlen?

Johannes Struzek 19 J. Gymnasiast und Computerspieler

Der 19-Jährige Gymnasiast fordert externe Helfer, wenn Schüler in Konflikte geraten oder gemobbt werden: Mit dem eigenen Lehrer spricht man nicht so gern über solche Probleme, und viele wissen dann womöglich keinen Ausweg mehr.

Auch Herr Struzek bekam relativ wenig Redezeit in der Sendung. Auf seine Ansätze gab es zudem (wie bei Herrn Westerholt) von Herrn Bosbach und auch von Dr. Pfeiffer sofort ein Ausweichen. Danke für den „Regenwald-Vergleich“ Herr Bosbach. Man stelle sich vor, Sie wären tatsächlich ein Baum…

Als wir uns in der Mediathek nochmal den Teil der Sendung ansehen wollten, in dem es um Killerspiele ging, fanden wir lediglich dies:

 

mediathek

Doch (natürlich) findet man den fehlenden Teil bei You Tube:

Teil 1

http://www.youtube.com/watch?v=rQrmvlew7bY

 

Teil 2

http://www.youtube.com/watch?v=4H3km-gos1M

Zudem war WIEDER zu sehen, was schon in einer älteren Sendung gesendet wurde. Die Beschreibung des Spiels beinhaltete reißerische Worte wie “überaus blutige Szenen”, “Blut spritzt” und “Zerfetzte Leichen” (die es in diesem Spiel definitiv nicht gibt).

Hierzu ein Video mit Richtigstellungen, das schon vor einiger Zeit online ging:

http://www.youtube.com/watch?v=9c5rwlKFsLE

Nebenbei angemerkt: Counter Strike Source wurde mittels Update in der deutschen Version vom Hersteller Valve bei neueren Accounts „beschnitten“.

Auch Bayerns früherer Ministerpräsident Günther Beckstein (CSU) meldet sich (natürlich) wieder zu Wort und weist die Kritik am aktuellen Waffenrecht zurück. Aber man braucht nicht lange fragen, wo er dafür direkt ansetzt: Es müsse geklärt werden, ob Tim K. (der Täter) Killer- und Gewaltspiele auf dem Computer gespielt habe.

„Nicht jeder Nutzer macht einen Amoklauf, aber ein hoher Anteil unter den Amokläufern hat Killerspiele genutzt“, so Beckstein gegenüber Spiegel Online. „Da sollten wir nachbohren.“

Warum überrascht uns das in keinster Weise? Fast könnte man meinen, das Politiker bei solchen Ereignissen den Gedanken hegen “Hoffentlich hatte der Täter Counter Strike (oder ein wenigstens irgendein Computerspiel daheim, das macht die Suche nach den Ursachen einfacher…”). Wir wissen das ist etwas übertrieben ausgedrückt – aber hat sich mal jemand von Ihnen gefragt wie gerecht Ihre pauschalisierende Sichtweise gegenüber den Millionen Spielern weltweit ist?

Selbst Herr Pfeiffer kam in der Runde irgendwann auf die These, dass die Tat in Oklahoma, einen Tag zuvor, durchaus eher ein Auslöser gewesen sein könnte und gab sogar noch an, das nicht Killerspiele einen Amokläufer machen – sondern höchstens ein Verstärkungsmoment darstellen. Das ist zwar ebensowenig bewiesen (und JA, es gibt Studien die sogar das Gegenteil belegen) – aber es hat uns immerhin überrascht, dass hier mal der Fuß etwas vom Gas genommen wurde.

Jedoch folgte direkt danach noch der Satz, das die US-Armee ja solche Killerspiele zur Desensibilisierung einsetzen würde (siehe auch Kölner Aufruf gegen Computergewalt).

http://www.nrhz.de/flyer/media/13254/Aufruf_gegen_Computergewalt.pdf

Auszug:

Games-Konzerne dienen als Teil des militärisch-industriell-medialen Komplexes dazu, mit ›Spielen‹ die künftigen Soldaten heranzuziehen. Die Soldaten werden desensibilisiert und fürs Töten konditioniert, die Tötungshemmung wird abgebaut.”

Folglich “entspräche der ›Spielraum‹ unserer Kinder und Jugendlichen der Wirklichkeit des Kampfes von Soldaten in den völkerrechtswidrigen Kriegen z.B. im Irak und in Afghanistan.”

Nun gut – wir holen auch hierzu gern eine bereits gegebene Antwort (von den Kollegen der GameStar) aus der Mottenkiste:

Diese Argumentation basiert auf der Tatsache, dass die US-Armee das Spiel America’s Army zur Rekrutierung nutzt und kommerzielle Spiele wie Full Spectrum Warrior auch für taktisches Training eingesetzt hat. Die Autoren des »Kölner Aufrufs« müssen sich aber fragen lassen, wie sie daraus die Überzeugung ableiten, die gesamte Spieleindustrie sei vom Militär unterwandert. Dafür gibt es keinerlei Beleg. Mit gleichem Recht ließe sich vermuten, die Kölner Aufrufer möchten ihr Feindbild mit leicht paranoidem Zug ins Hochbedrohliche übersteigern – im Übrigen eine bewährte Taktik militärischer Propaganda.

Im ZDF Spezial mit Steffen Seibert

 

zdf_spezial

http://www.zdf.de/ZDFmediathek/content/711960

 

gab der Psychiater Prof. Lothar Adler im Übrigen folgendes Statement:

Amokläufe gab es schon immer. Sie haben sehr verschiedene individuelle Faktoren. Es gibt hier nachweislich eine konstante Anzahl weltweit und zwar zu allen Zeiten.“

Nach seiner Vermutung handelt es sich im aktuellen Fall um einen Konflikttäter – von Killerspielen sagte Adler nichts.

 

ZDF-Korrespondent Andreas Linke erwähnte dafür jedoch heute Morgen, die Polizei habe auf K.’s Computer „die üblichen Computerspiele gefunden, die in so eine Täterstruktur passen.“

 

http://www.heute.de/ZDFheute/inhalt/2/0,3672,7534018,00.html?dr=1 

 

 

 

Wie nicht anders zu erwarten, hat sich auch die Bild zum aktuellen Brennpunktthema des Amoklaufs in Winnenden so genannte Experten herangezogen. Was hört man auch hier? Videospiele sind der Sündenbock. Wir zitieren Dr. Elmar Basse aus Hamburg:

„Videospiele leisten einen Beitrag, denn sie öffnen bei psychisch labilen das Ventil, geben die Antworten darauf, was sie gegen ihre Frustration tun sollen. Spiele zeigen den Jugendlichen die Lösung in einer Kunstwelt, das Licht am Ende des Tunnels. Sie geben die Idee, wie befreiende Emotionen wirken. Spiele haben somit eine Mitschuld, weil man die Handlung vorspielen und üben kann, damit wird die Amoktat vorstellbarer.“

Wir haben zu der aktuellen Diskussion mal einige Antworten aus der Gamer-Szene aufgegriffen:

Ich spiele diese so genannten Killerspiele selber und habe genügend Erfahrungen damit gemacht. Bei mir bauen sie sogar Aggressionen ab. Man sollte sich immer vor Augen halten es sind nur Spiele. Millionen Menschen auf dieser Welt spielen diese und keiner von ihnen kommt auf solche Gedanken. Es sind Soziale Probleme die so eine Tragödie auslösen.“

Werden Waffen verboten? Nein. Aber Spiele, in denen Waffen vorkommen sollen verboten werden. Es steht doch laut psychologischen Urteilen fest, das Spiele durchaus Wut abbauen statt zu fördern. Alkohol wird auch nicht verboten und das obwohl so viel Leute deswegen sterben. Auch gewisse, die Jugendgewalt verherrlichende Musik aus Berlin, wird nicht verboten, obwohl diese nachweislich etwas mit der hohen Jugendkriminalität zu tun hat.“

Ich stelle mir die Frage, wie man mit einem PC Spiel das Schießen üben kann oder kann man eine Halbautomatische Waffe in einen Gamecontroller umbauen? Die Ausbildung beim Bund halte ich, hier für weitaus gefährlicher. Warum sagt eigentlich niemand etwas zu Killerfilmen, Killerbüchern oder Killernachrichten?“

Amokläufe gab es schon immer. Nur waren damals die Medien nicht so präsent wie heute. Oder hat man in der Vergangenheit vorher Counter Strike im Sand gespielt?“

 

Was WIR meinen:

Das Gesamtumfeld und die Psyche des Betreffenden sind hier immer entscheidend. Mißstände in unserer Gesellschaft sind zudem definitiv vorhanden – und nicht wegzudiskutieren, indem man einen leichter zu erlegenden Sündenbock sucht. Die Augen dürfen nicht vor den wahren Tatsachen verschlossen werden – und da fängt jeder am Besten bei sich selbst an nachzufragen.

Wir schließen mit einem Zitat von Henry Ford:

„Weil Denken die schwerste Arbeit ist, die es gibt, beschäftigen sich nur wenige damit!“